'Der Punk ist los' in der Süddeutschen Zeitung

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Süddeutsche Zeitung - Donnerstag 13. Juli 2012, Nr 159

Süddeutsche Zeitung, 13. Juli:  Der Punk ist losDer Punk ist los

Doppel-CD mit Münchner Bands im Feierwerk

 

München — "Und sie bewegt mich doch" könnte Katrin Seger frei nach Galileo schreien angesichts einer Münchner Punkbewegung, die in einem von Bier und Schickimicki geprägten Außenbild der Stadt kaum vorkommt. Mit dem auf DVD erhältlichen Dokumentarfilm "Mia san dageng" über die Münchner Punk-Vergangenheit versuchte sie schon einmal eine Image-Korrektur. Zusammen mit Frank Hartwich präsentiert sie nun an diesem Freitag die Doppel-CD "In München nix los", auf der gleich 61 Bands die aktuelle Münchner Punk-Szene vertreten. "Wir selbst sehen uns nur als Impulsgeber für dieses Projekt, das eine bewundernswerte Eigendynamik entwickelt. Finanziert wird die Compilation gemeinsam mit den teilnehmenden Bands", heißt es auf der Internetseite www.in-muenchen-nix-los.de zur CD. Deren Cover wurde vom omnipräsenten Münchner Siebdruckkünstler Senor Burns alias Bernd Hofmann nach einem Motiv gestaltet, das in einem Wettbewerb des Online—Shops www.muenchen—punk— shop.de vom Publikum ausgewählt wurde.
In jenem Online-Shop gibt es Münchner Punk-Produkte von 1977 bis heute zu kaufen. Für einen echten Laden in München seien ihr die hiesigen Mieten zu hoch, erklärt Geschäftsführerin Seger.

 

Vergangenheit und Gegenwart werden bei dieser Veranstaltung gleichermaßen bedacht

Umso mehr genießt sie zurzeit die Möglichkeit, bis zum 31. Juli im Farbenladen, einem Ausstellungsraum des Feierwerks in der Hansastraße 31, besagten München-Punk-Shop als temporären Plattenladen anzubieten. Neben dem Verkauf von entsprechenden Vinyl-Platten, CDs und T-Shirts begleiten dort Ausstellungen, Vorträge und Workshops die CD—Releaseparty. Besonders die Fähigkeit zum Selbermachen wird hier geschult. So konnten Besucher des Ladens unter professioneller Anleitung ihre eigenen T-Shirts siebdrucken oder ihre eigenen Badges herstellen. Damit unterstreichen die Initiatoren den Anti—Konsum—Aspekt ihres Punk-Begriffs ebenso, wie sie Möglichkeiten aufzeigen, sich mithilfe von Punk Gehör zu verschaffen.
"Bis zum In—München-Nix—Los—Festival am Freitag ist der Laden der Gegenwart gewidmet. Danach bauen wir den Farbenladen um und zeigen die Münchner Punk-Historie", erklärt Seger. Sie sichtet gerade zusammen mit Hartwich 4000 Fotos, die die Münchner Fotografin, Journalistin und DJ Cloat Gerold ihnen überließ, um in dem Zusammenhang die Bedeutung der früheren Kulturstation im Oberföhringer Bürgerpark zu dokumentieren.

Cover 'In München nix los!' von Bastor Royal

Von wegen nix los. Nicht nur die Release-Party einer Compilation — Cover siehe oben — der Songs von 61 Punkbands im Feierwerk beweist, dass die Szene keineswegs schläft. Unter anderem lernt man, dass der Punk offenbar gern bastelt.

Sozialpädagogen, die jene Kulturstation Mitte der 1980er Jahre im Auftrag des Kreisjugendrings München unterstützt hatten, werden hier am Sonntag, 22. Juli, in einem "Kaffeeklatsch mit Mitwirkenden" die Geschichte der Kulturstation resümieren sowie die Entstehung des Münchner Underground-Samplers "How We Drink Is  How We Rock" von 1991. Einen Tag zuvor, also am Samstag, 21. Juli, singt Alfred Steinau, Gründer der Münchner Punkband FKK-Strandwixer und Redakteur des Lächerlich-Fanzines die Entstehung des Münchner NDW- und Punk-Samplers "München-Reifenwechsel, leicht gemacht", den er 1981 zusammen mit Siggi Hümmer alias Siggi Pop und Charly Reutter herausgebracht hatte.
Der Sampler, auf denen auch überregional bekannte Größen wie FSK oder Marionetz vertreten sind, gilt als einer der ersten,
die den Münchner Untergrund dokumentieren und ist darum auch Vorbild für Segers und Hartwichs neuen Sampler "In München Nix Los", dessen Untertitel die Doppel-CD auch nicht als Compilation bezeichnet sondern als "A Munich Punk/HC Statement". Neun der darauf vertretenen Bands spielen Freitagabend im Hansa 39 des Feierwerks. Darunter auch Doping The Void, die zugleich ihre neue Vinyl-Single präsentiert. Weil ihr Sänger in Chicago lebt, haben die Münchner mittlerweile schon mehr Konzerte in den USA gehabt als in Deutschland. Das Prinzip ihrer Fernbeziehung bedeutet, das seltene Zusammentreffen der Bandmitglieder umso effektiver zu nutzen.             DIRK WAGNER

Freitag, 13 Juli, im Feierwerk Hansastr. 39